Sunday, 30 July 2017

Der Parkbank Pinkler
Kapitel XIX: das Abkommen Teil dry

»Ein Klugscheißer erkennt man ja, aber ich glaube, ehrlich gesagt, wir alle stehen, gehen, agieren und nicht zuletzt achten auf einer Wellenlänge, sodass wir Schlauheit falsch für Weisheit halten. Wahre Weisheiten schwingen bei anderen Frequenzen mit. Ob sie jemals von Menschen zu spüren waren?«
—irgendjemand in diesem Kapitel

.. . XIX.

Im Verhörraum angekommen Untergebene Elke Lamprecht und ihre Chefin Katrin Elsner — die gerade die Frage, was wir mit Mörder tun sollten, aufgriff, indem die Bedeutung von „wir” als zentral zu verstehen postuliert wurde —, stießen zum Selbstgespräch schon im Werden.


»Obwohl viel'es sagen, behaupten zu glauben, denkense insgeheim, hättens die Penner, oder wie sie uns sonst nennen, einigermaßen verdient. War ich selber so'ne... bin ich immer noch! Wie ich so abgestiegen bin, richtig langsam... steigen trifft es wohl, rutschen nicht, denn ich bekam stufenweise Hinweisen überall dort wo ich angekommen bin. Zwischendurch war es ja ein Stufe aufwärts aber stets langsam ab. So langsam eigentlich, hätte ichs gut gemerkt. Habe ich auch! Eben darum kann ich das Vorurteil nachvollziehen.

Ungefähr so schleppend ausgestaltet wurde meinen Lebensraum. Dunkelbunt unterm Füße. Feinleut' mögen den Teppichboden nicht, ziehen Dielen vor. Pass auf. Einige bekommen das Schlechteste von beidem, wenn sie versuchen die symbiotische Kehrseite. Dielen zum Beispiel mit Brücken, Läufer und Vorleger so. Also sparsam, mit reichlichen baren Boden — so wird er sich „hervor ra gend” vorgestellt. Dielen sammeln zu sich überall Wollmäuse, was sich, wenn schmucklos, super simpel Kehren lässt. Aber mit kleinem Teppich hier und da liegend kommt erstens absaugen, und dazu nach anderem Plan muss öfter gefegt, da auch vorsichtig vorgenommen, regelmäßige Reiberei auf der Oberfläche ohne Langzeitpflege führt zu Kratzen und Splittern.

Ich zum Beispiel habe beim Einrichten... sag ich mal, anstatt dem eher geplant und so erledigt gemeinten „bei der Einrichtung”... trotz meinem üblichen Ablauf, in relativer Kürze den ganzen Scheiß zugedeckt. Nicht mit Teppichboden. Lieber mit mehreren größeren Perser und so, ohne verderblichen kackscheiß auf der Rückseite, bis an die Wand... unbefestigt. Zum Glück bin weder Asthmatiker noch allgemein allergisch, weil was'n Boden betrifft habe ich mal schäbig, mal stinksauber gewohnt. So ging das gut eine Weile. Dann wurde der Staubsauger am Arsch, just als schon Saugens Bedürftigkeit nicht hervor ra gender sein könnte. Haha! Natürlich war das mies, denn zu der Zeit war Geld nur fürs Essen da. Wie heute noch, wenn überhaupt, aber damals noch einige Stufe höher im Dritten. Im Obergeschosssinne meine ich.«

»Herr Hemme, ich bin Lamprecht aus der Mordkommission.«

»Gruß Gott... gilt gewiss nicht. Lässtsssich durchs „Gute Gemeinde“ begrüßen?«

»Ähh...hhier ist Erster Kriminalhauptkommissarin Elsner. Sie möchtet Ihnen ein paar Fragen stellen.«

»Wenn die Wahrheit mit der Luge ins Bett geht, heißt das Kind „History“.«

»So weit sind wir noch nicht, Herr Hemme. Wahrlich, ich habe eben erst mit Kriminalmeisterin Lamprecht meinem Misstrauen wegen solches leichtsinnigen Handels Luft gemacht.«

»Null Acht uff Sinn. Nichts wahr, Frau Kommissar... in? Wo ist Ihre Kollegin hin?«

»Hinter'n Glas da. Kennen Sie ja... Das... was Sie vorhin gesagt haben. Meinen Sie wirklich, indem Sie ihre existierende Schwierigkeiten als verdient verstehen, dass der Durchschnittsstraßenmensch sein Fett bekommt?«

»Wenn Sie so hin wollen, erteile ich keinem Straßenstrafen. Nicht mal einen Versuch.«

»Nein, da will ich nicht hin. Ich wüsste gerne ein Bisschen genauer, wie Sie es mit „einigermaßen verdient“ meinen. Für Sie persönlich, und, mit Bezug auf Ihre– Bekannten.«

»Einnehmender wäre es anzunehmen, dass meine Bekanntenkreis aus Freunden besteht. Und Freundinnen.«

»Ich bin an jener Stelle Ihrer Rede erst da, aber die Ansicht ist mir so vorgekommen, als Brücke zwischen Verständnis für und gegen Mitleid.«

»Ich meine keine Ansicht.«

»Falsch. Sie sind vermutlich kein Mörder, nehme ich nicht anders an. Ich erkenne aber auch eine Anspielung auf einen gängigen Gesichtspunkt.«

»Auch wenn Sie ihn nicht verstehen?«

»Auch wenn ich ihn nicht verstehe.«

»Anspielung? Das war explizit. Ich erkenne transparenten Schmus. Warum Spielen Sie dumm? Weil ich Selbstgespräche führe? Ein Bisschen Probe schadet nicht. Zum Gedanken ordnen. Oft ist sonst keiner da. Soweit es mir unbewusst auffliegt, ists halt wegen der Gewohnheit.«

»Entschuldigen Sie, Herr Hemme. Ich versuch Sie weder zu beleidigen noch Ihnen schönzutun. Das können Sie mir glauben, auch wenn ich Ihnen nun sage, dass ich zum Gedanken ordnen ab und zu auch mit mir selbst rede. Auch wenn ich mit anderen rede, befinde ich mich oft alleine.«

»Sie trinken keinen Alkohol, nicht wahr?«

»Und Sie auch nicht.«

»Nicht seitdem ich auf Berlin schlafe. Ob ich schuld bin an diesem mickrigen Zustand, spielt der Stoff keine Rolle.«

»Aber Sie spielen selber eine Rolle?«

»Eine entscheidende. Ahh! Ich liebe Wortspiele! Tatsächlich entlarven sie so viel.«

»Allerdings. Wir können jedoch nicht davon ausgehen, nur dass Sie die Stufen abwärts mitbekommen haben, dass Sie alleinverantwortlich für Ihre Armut sind, geschweige denn andere für ihre.«

»Wieweit wäre ich, und wieweit wäre er, sie, es, und wie wären sie und Sie! Daher flüchtet ein angeblicher Gesichtspunkt dahin. Die Mathe ist mir zu hoch, geschweige denn die Rechnung. Denken Sie nur, jeder einzelne von uns trägt mehr Schuld als wir annehmen. Ob beherbergt, ausgeschlossen, grundbesitzend oder mittellos, will keiner bezahlen. Keiner will der Dumme sein. Wie werden wir diese Lasten los?«

»Darüber möchte ich mit Ihnen reden, Herr Hemme.«


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